Die Jahre des Aufbruchs (1946 – 1954)

Erste Veröffentlichungen

Marlens erster Sohn Christian war mittlerweile vier Jahre alt. Berta Laux hatte ihn in Herrsching (Bayern) wie ihren eigenen Sohn aufgezogen. Seine leibliche Mutter kannte Christian nur von ihren kurzen Besuchen. Im Herbst 1945 wurde für den Jungen die Frage der Staatsbürgerschaft aktuell und das Ehepaar Haushofer beschloss, den Buben zu sich nach Österreich zu holen. Er sollte zunächst bei den Grosseltern in Effertsbach bleiben. Für Christian musste dieser Wechsel aus der vertrauten Umgebung, wo er geliebt worden war, ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. Denn in Effertsbach war er nicht willkommen, weil die sittenstrenge Maria Frauendorfer den “Fehltritt” ihrer Tochter nur schwer akzeptieren konnte. Der Junge wurde vor der Öffentlichkeit versteckt; dennoch vermochte Christian seinen Grosseltern ans Herz zu wachsen. Doch der vollkommenen Geborgenheit seiner ersten Jahre trauerte der Junge vergeblich nach.

Marlen und Manfred Haushofer waren inzwischen wieder nach Graz zurückgezogen, nachdem die Briten die Verwaltung des Bezirkes übernommen hatten. Hier begann Manfred seine zahnärztliche Fachausbildung. Die Wiedersehen mit Sohn Christian bargen grosse Probleme, denn zwischen den beiden Söhnen Christian und Manfred jun. kam es zur Eifersucht. Christian verriet man nicht, dass Manfred sen. nicht sein leiblicher Vater war, und gab ihm an, er sei aufgrund den Kriegswirren in Bayern aufgewachsen. Dem vermeintlichen Vater Manfred seinerseits fiel es schwer, Christian als Sohn anzunehmen. So gab er ihm wohl 1947 seinen Namen, doch zu einer Adoption kam es nie. Die Distanz zwischen den Beiden blieb stets spürbar, und erst nach dem Tode Marlen Haushofers erfuhr Christian von seiner wahren Herkunft.

1946 lebten Marlen, ihr Ehemann und der kleine Manfred wieder zu Dritt in Graz. Die Entbehrungen der Nachkriegszeit und die Verantwortung ihrem erst drei Jahre alten Sohn gegenüber hielten Marlen davon ab, ihr Studium weiterzuführen und ihre Doktorarbeit, die auf der Flucht aus Graz verloren gegangen war, neu zu beginnen. Dafür begann sie ernsthaft zu schreiben.

Schon während den letzten Kriegstagen – so erinnerte sich der Ehemann Manfred Haushofer – soll Marlen eine erste “richtige” Erzählung geschrieben haben. Es dürfte sich dabei vermutlich um Das Wintermärchen gehandelt haben. Daraufhin folgten weitere Märchen und Kurzgeschichten, welche höchstwahrscheinlich insbesondere unter dem Anreiz entstanden, das knappe Haushaltsbudget der Familie mit Veröffentlichungen in Zeitungen aufzubessern. Im September 1946 nahm sie an einem Dichterwettbewerb des Linzer Volksblattes teil, das für die beste Kurzgeschichte, Skizze oder Erzählung einen Preis ausgeschrieben hatte. Zwar gewann Marlen mit der Kurzgeschichte Die blutigen Tränen keine Auszeichnung, die Teilnahme führte aber zu Marlens vermutlich erster Veröffentlichung. In “Die blutigen Tränen” hat sie (Marlen, Anm. d. Verf.) zum ersten Mal einen Ausschnitt aus ihrer eigenen Kindheitswelt verarbeitet: Sie erzählt aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Zugleich enthält die Erzählung im Keim bereits ein weiteres Hauptthema ihres Schaffens: die Rebellion gegen das Hausfrauendasein. (1) 

Marlen Haushofer sagte über ihre literarischen Anfänge (“Elisabeth Pablé, Begegnungen – Erfahrungen. Marlen Haushofer oder die sanfte Gewalt”, in: Die Furche, Wien, 13.4.1968): “Geschrieben hab’ ich von meinem achten Jahr an bis zu meinem neunzehnten nur so für mich, Geschichten, Gedichte und sehr merkwürdige Romankapitel, die ich leider, wie so vieles aus dieser Zeit, verloren hab’. Während des Krieges dann keine Zeile. Erst 1946 hab’ ich wieder angefangen, und diesmal mit der Absicht, meine Geschichten anzubieten.”

Während die Autorin ihre ersten Geschichten zu Papier brachte, waren sie und ihr Mann dabei, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Manfred Haushofer fand nach Ende seiner Facharztausbildung im Jahre 1947 eine Stelle als ärztlicher Leiter des Zahnambulatoriums der Krankenkasse in Steyr. Zunächst wohnte er dort alleine und liess seine Familie erst aus Graz nachkommen, als eine grössere Dienstwohnung an der Leharstrasse 7 zur Verfügung stand. Hier holten sie auch den kleinen Christian zu sich. Er sollte im Herbst in die Schule kommen, weshalb sein Nachname von Frauendorfer in Haushofer geändert wurde, um allfälligen Gerüchten vorzubeugen. Während die Familie nach aussen hin einen gefestigten Eindruck machte, entstanden zwischen Marlen und Manfred erste tiefgreifende Beziehungsprobleme. Die Streitereien der Eltern blieben auch den Kindern nicht verborgen. Marlen war der Auffassung, der Krieg habe Manfred verändert. Diese Meinung bringt sie später in “Die Wand” zum Ausdruck: “Wenn ich an ihn denke, sage ich immer, der Georg. (Manfreds zweiter Vorname). Und er war ja wirklich arm. Nicht an Geld, denn solange er arm an Geld war habe ich nie gedacht der Georg. Er war so ein freundlicher junger Mann eigentlich lange noch ein Kind und dann haben sie ihn langsam ruiniert. Ich weiss nicht wer, aber es hat damit angefangen, dass er nach dem Krieg so verändert war. Es war noch immer sein Gesicht, seine Lippen, die Wimpern noch immer geschwungen wie bei einem Kind aber etwas hat angefangen in ihm zu fressen und zu bohren und er hat nie darüber gesprochen. Vielleicht hat er es selber nicht gewusst, was es war. Und zu mir und den Kindern war er unfreundlich und oft gereizt, denn er hat gewusst, dass er mir nichts mehr geben konnte. (…) oft war ich müde und unglücklich und böse aus Enttäuschung.” Nahm Marlen ihrem Gatten etwa übel, dass er nicht Kind geblieben, sondern durch den Krieg zum Mann geworden war? (2)

Je älter die Kinder werden, desto schwerer fiel Marlen Haushofer ihre Rolle in “das Treusorgende-Mutter-und-Gattin-Spiel”. Sie fühlte sich deplatziert, war oft “traurig und leer”. Ihre Funktion als ruhender Pol der Familie raubte ihr viel Energie, und ihre beiden Söhne machten es ihr nicht leichter. Sie gingen häufiger und verbissener aufeinander los, als dies unter Brüdern normal sein dürfte. Marlen musste die beiden nicht nur voreinander schützen, sondern auch vor ihrem Vater, der insbesondere Christian gegenüber allzu leicht in Rage geriet. Zudem hatte Christian in der Volksschule grosse Lernschwierigkeiten, was die Eltern nicht verstehen konnten. Warum erkannte die sonst so scharfsichtige Mutter nicht, dass diese Lernverweigerung eine Art Notwehr, Protest, ja sogar ein Hilferuf Christians war? Nach den wundervollen Jahren bei der geliebten Pflegemutter musste er das Leben bei den Haushofers als Verbannung empfunden haben. Der vermeintliche Vater lehnte ihn ab; die Mutter bevorzugte in auffälliger Weise den jüngeren Sohn – was selbst die Bekannten der Familie bemerkten. Ein weiterer Grund für die sich anbahnende Beziehungskrise dürfte auch die Tatsache gewesen sein, dass Manfred Haushofer als junger “Herr Doktor” anderen Frauen gegenüber nie abgeneigt war.

So flüchtete sich Marlen in ihre eigene Welt und suchte Anschluss an die literarische Szene in Wien. Hier war die Nachkriegsgeneration wild entschlossen, das während der kulturellen Geistesöde der Nazizeit Versäumte aufzuholen und Neues zu entdecken. Ein Pioniergeist machte sich auch unter den Literaten breit. Im Wien der Nachkriegszeit waren es einige Wenige, die sich bemühten, den vielfältigen Stimmen der Jungen Gehör zu verschaffen: Hermann Hakel und Hans Weigel als Beispiel. Hermann Hakel organisierte Leseabende, die auf die jungen Autoren aufmerksam machen sollten. Auch Marlen hatte davon gehört und sprach bei Hakel vor. Sie rezitierte aus ihrer Erzählung Für eine vergessliche Zwillingsschwester, ein imaginärer Dialog, in dem die Erzählerin ihrer mondänen Zwillingsschwester die gemeinsamen Kindheitserlebnisse in Erinnerung ruft. Die Geschichte gefiel und wurde durch Hermann Hakel an die Wiener Arbeiter-Zeitung, ein sozialistisches Parteiorgan, vermittelt. Hakel gab zudem eine eigene Zeitschrift namens Lynkeus heraus, welche sich vor allem der Dichtung der von den Nazis vertriebenen Autoren widmete. Hier erschienen von Marlen Haushofer 1949 die Erzählung Das Morgenrot sowie Der Staatsfeind. Auch wenn Hakels Leseabende meist von Freunden und Verwandten der Autoren besucht waren und den Literaten selber nicht zum Durchbruch verhalfen, so fühlten sich die Teilnehmenden dennoch ernst genommen und durch die Publikationen in ihrem Tun bestärkt. Zu Hermann Hakels Kreis gehörten unter anderem Ingeborg Bachmann, Gerhard Fritsch, Ilse Aichinger, Hertha Kräftner, Christine Busta, Andreas Okopenko, Friederike Mayröcker, Walter Toman und Reinhard Federmann. Später stiessen noch Elfriede Gerstl, Gerhard Amanshauser, Walter Buchebner und Hans Lebert dazu. (3)

Der Ausbruch

Bald machte Hermann Hakel auch Marlen Haushofer Avancen. Zunächst durch die Annäherungsversuche gedemütigt, erlag sie schliesslich Hakels Charme, und eine intensive Beziehung begann. Für Hakel war Marlen nicht jene komplizierte Melancholikerin, sondern die helle Frau aus den dunklen Wäldern. (4) Sie gab ihm das Gefühl, dass sie von ihm etwas lernen will, umsorgte und heiterte ihn auf. In ihrem Wiener Freundeskreis gab Marlen sich bescheiden, ruhig, warmherzig…als das Mädchen vom Lande. Welche intellektuelle Grösse sich hinter diesem Schein verbarg, bemerkten die Freunde sehr bald. Für Marlen Haushofer bedeuteten die Besuche in Wien einen Einblick in die ehrliche, etwas burschikose Welt der literarischen Bohème; ganz im Gegensatz zum bürgerlichen Spiessertum einer Zahnarztgattin. So wurde das Schreiben für Marlen immer wichtiger, während in ihrer Ehe sich die Dinge zuspitzten und die Affären ihres Mannes stadtbekannt waren. Die Situation gestaltete sich für sie bald als unerträglich. Fragt sie deshalb in der Novelle Wir töten Stella, ob der Mensch sich an alles gewöhnen könne? “Wenn wir in ein gewisses Alter kommen, befällt uns Angst und wir versuchen etwas dagegen zu tun. Wir ahnen, dass wir auf verlorenem Posten stehen, und unternehmen verzweifelte kleine Ausbruchsversuche. Wenn der erste dieser Versuche misslingt, und er tut es in der Regel, ergeben wir uns bis zum nächsten, der schon schwächer ist und uns noch elender und geschlagener zurückwirft.” (5)

Mit Dreissig unternahm Marlen einen einschneidenden Ausbruchsversuch: Sie liess sich im Juni 1950 von Manfred Haushofer scheiden. Diese Trennung fand statt, ohne dass Jemand davon wusste; auch der Sohn Manfred sollte erst Jahre später durch Mitschüler davon erfahren. Eskaliert war die Krise zwischen den Ehepartnern wegen einer Frau, zu der Manfred Haushofer nach Marlens Überzeugung seit langer Zeit eine aussereheliche Beziehung unterhielt. So wurde die Ehe nach achteinhalb Jahren aufgelöst. Doch weder Marlen noch Manfred zogen aus der gemeinsamen Wohnung aus. Nach wie vor glaubte Marlen, ihrem Ex-Mann Rücksichtnahme und Unterstützung auf seinem beruflichen Weg zu schulden. Deshalb versorgte sie auch weiterhin den Haushalt und betreute die Kinder, als wäre nichts geschehen.

Im gleichen Jahr gab Manfred Haushofer seine Stelle als Leiter des Ambulatoriums auf und eröffnete eine Zahnarztpraxis gegenüber der Stadtpfarrkirche in der Altstadt Steyrs.

Das erste Buch

Im Herbst 1950 erhielt Marlen Haushofer von Hans Weigel eine Postkarte mit der Aufforderung, ihm Texte zu senden. Hans Weigel galt als die Schlüsselfigur im österreichischen Kulturbetrieb der Nachkriegszeit. Ohne ihn ging nur wenig; er war bekannt als Theaterkritiker, Feuilletonist und Molière-Übersetzer. Unter den Arbeiten, die Marlen Haushofer an Hans Weigel schickte, befand sich auch ein Kapitel ihres Romanerstlings. Dieser wurde von Hans Weigel für die “Österreichische Buchwoche” ausgewählt, welche im Foyer der zerbombten Wiener Staatsoper veranstaltet wurde. Hier lasen Schauspieler Texte von Ingeborg Bachmann, Hertha Kräftner, Friedrike Mayröcker, Christine Busta, Herbert Eisenreich, Gerhard Fritsch, Andreas Okopenko, Jeannie Ebner und anderen vor. Die Lesung Marlen Haushofers Roman war dabei nicht Bestandteil des Hauptprogramms, sondern lief unter dem Motto “Dichter, die uns nicht erreichen”. (6) Als Hans Weigel dann im Jahre 1951 für den Jungbrunnen-Verlag die Herausgabe einer Reihe mit Namen “Junge österreichische Autoren” übernehmen sollte, forderte er Marlen auf, ihm einen Text im Umfang von fünfzig Seiten vorzuschlagen. Sie entschied sich für die Erzählung Das fünfte Jahr, die aber wahrscheinlich die meisten Leute langweilen wird”, (7). Doch Weigel gefiel die Novelle, welche dann 1952 als erstes Buch Marlens veröffentlicht wurde. Für diese Erzählung erhielt Marlen Haushofer 1953 ihre erste offizielle Anerkennung: Den kleinen Österreichischen Staatspreis, der als Förderungspreis vom Unterrichtsministeriums ausgeschrieben war. Dieser Preis verlieh Marlen gewissermassen die Legitimität, Zeit für ihr Hobby zu investieren. Für Marlen war diese Anerkennung von grosser Bedeutung. So sagte sie Jahre später in einem Radiogespräch mit Hans Weigel, aufgezeichnet vom Österreichischen Rundfunk: “Und ich weiss nicht, was für einen Preis ich kriegen müsste, dass ich mich nochmals so freuen könnte wie damals. Da war ich eben noch sehr jung”.  (8) Aber bevor sie diesen Preis im Dezember in Wien überreicht bekam, erkrankte Marlen im Spätherbst 1953 an einem hartnäckigen Fieber. Im Spital Steyr stellte man fest, dass ihre Tuberkulose aus den Jugendjahren wieder aktiv geworden war. Mehrere Wochen blieb sie ans Spitalbett gefesselt.

Das Jahr 1951 hatte für Marlen Haushofer noch eine andere, wichtige Bedeutung. Es erschien ein Buch in deutscher Übersetzung, das für sie sehr bedeutend wurde: Simone de Beauvoirs Studie Das andere Geschlecht. Marlen wurde nicht erst durch diese Publikation zur “Feministin”: Mit dem unveröffentlichten und verschollenen Roman über die mörderischen Frauen hatte sie schon vor dem Erscheinen von de Beauvoirs Studie begonnen. Aber durch Das andere Geschlecht entdeckte Marlen eigene Erfahrungen und Beobachtungen in einer überzeugend und elegant formulierten Theorie gebündelt.

Von Anfang 1951 bis April 1952 wohnte die Familie Haushofer am Bergerweg 25 im Steyrer Stadtteil Neuschönau. Bis Juli 1955 lautete die Wohnadresse dann Berggasse 81. Diese Wohnung war im zweiten Stock oberhalb der Zahnarztpraxis von Manfred Haushofer gelegen.

Neben dem kleinen Buch Das fünfte Jahr waren von Haushofer in der Zwischenzeit einige Erzählungen in der Mittelschüler-Zeitschrift Neue Wege veröffentlicht worden, deren Redaktion unter dem Einfluss Hermann Hakels stand.  Hans Weigel wiederum hatte die Kurzgeschichte Patience in seinem literarischen Jahrbuch Stimmen der Gegenwart aufgenommen. (9)

Nicht alles, was Marlen Haushofer schrieb, wusste zu gefallen. So war ihr erster Roman, der von einem dämonischen Hausmeister-Ehepaar handelte, das nach aussen hin sehr harmlos wirkte, für Hans Weigel zu unreif, zu nahe von “Illustriertenklischees” angesiedelt. Er riet ihr von einer Veröffentlichung ab; Marlen vernichtete das Manuskript. Auch ihr zweiter Roman, der von ein paar Frauen handelte, die “es auf sorgsam ausgeklügelte Manier schliesslich dazu bringen, dass ein Mann von ihnen umgebracht wird, ohne dass sie als Täterinnen belastet sind.” Weigel stellte hier die moralische Bedenklichkeit in Vordergrund: Der klassische ungesühnte Mord. Auch hier riet ihr Weigel ab, die Geschichte zu publizieren. Ein Entscheid, den er später bitter bereuen sollte und vergeblich darauf hoffte, das Manuskript tauche noch irgendwo in Marlens Nachlass auf. (10) Die Autorin haderte innerlich mit Weigels Kritik und fühlte sich missverstanden. Zudem forderte das Mimen der Hausfrau und Mutter viel Kraft. Anfang der Fünfziger begann Marlen an einer schweren Depression zu leiden. Ein Gefühl, bekannt aus ihren früheren Jahren. Die Menschenscheu Marlens verstärkte sich, sie igelte sich ein und verlor das Interesse an der Umwelt. Trotz der angespannten familiären Situation blieb ihr Zuhause Zufluchtsort; sie empfing nur selten Gäste und war, als ehemalig eher schlampiges Mädchen, zur auffallend ordentlichen Frau geworden.

Jahre der Depression

Auf Anraten von Hans Weigel begann Marlen Haushofer eine Therapie beim Psychiater Viktor Frankl. Dass Marlen Haushofer gerade in den Jahren 1952/53 massiv unter Depressionen litt, könnte mit der unerwiderten Liebe zu Manfred Haushofer zu tun gehabt haben. Zudem hatte ihr Ex-Mann eine Beziehung zu seiner Ordinationshilfe und Marlens Freundin Inge angefangen. Inge hatte Marlen als Manfreds Assistentin abgelöst; und Marlen nahm sich den Büroarbeiten an. Überhaupt war die Beziehung zwischen Marlen und Manfred sehr schwierig. Als geschiedenes Paar lebten sie in ihrer gemeinsamen Wohnung in getrennten Zimmern und sprachen oft tagelang nicht miteinander. Nur den Kindern gegenüber wahrten sie den Schein. Marlen reagierte generell sehr zwiespältig. Einerseits bestärkte sie ihre Freundin Inge in deren Verhältnis zu ihrem Ex-Gatten und riet ihr gar, ihn zu heiraten. Sie schickte die beiden zusammen in die Ferien, verhielt sich sehr tolerant und nahm gleichzeitig mit einer gewissen Genugtuung die Mitleidsbekennungen ihrer Bekannten und Freunden entgegen. Auf diesem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mit ihrem Ex-Mann im Jahr 1953 gab Marlen Haushofer ihren “schwierigen” ältesten Sohn Christian für ein Jahr ins Internat “Schloss Voglsang” in Steyr. Hier blieb der Junge auch über Nacht, obschon das Institut der Franziskaner nur gerade fünf Gehminuten von der Wohnung der Familie entfernt lag. Kurz zuvor hatte ein befreundeter Psychologe ihr mitgeteilt, dass Christian sich von der Mutter vernachlässigt fühlte. Diese Diagnose blieb ohne Konsequenzen. Marlen dachte auch über eine räumliche Trennung von ihrem Ex-Mann nach und zog im Sommer 1953 probeweise nach Wien, wo sie unter anderem mit Hermann Hakel viel Zeit verbrachte, der zu jener Zeit mit Erika Danneberg verheiratet war. Aus der Affäre Marlens mit Hakel war eine enge Freundschaft entstanden. Zur gleichen Zeit traf Marlen sich häufig mit Hans Weigel in seinem Stammcafé Raimund beim Volkstheater. Weigel betreute sie literarisch, weshalb für Marlen Haushofer diese Treffen auch kein Problem darstellten, für die beiden Männer Hakel und Weigel hingegen schon. Die beiden “Schutzherren der jungen österreichischen Literatur” standen ohnehin auf der literarischen Bühne in einem Konkurrenzverhältnis. Der Schriftsteller Hermann Schreiber äusserte sich zu Hakel und Weigel wie folgt: “Die Bemühungen von Weigel und Hakel um die Gunst junger Autorinnen unter dem Vorwand, sie literarisch zu fördern, war wohl wirklich eines der peinlichsten Kapitel der Wiener Nachkriegsentwicklung”. Trotzdem war die Förderung kein blosser Vorwand, sondern ehrlich gemeint und effektiv. (11) 

Marlen schrieb mit grossem Eifer an ihrem neuen Buch, das im ersten Manuskript den Titel “Die Reise der Betty Russel” trug und später in Eine Handvoll Leben umbenannt wurde und die Geschichte einer Frau erzählt, die aus ihrem Leben aussteigt. Marlens eigener Ausbruchsversuch jedoch scheiterte. Manfred Haushofer wollte anscheinend nicht, dass Marlen auszog, und Marlen wiederum wollte ihm die finanzielle Belastung nicht zumuten. Im August 1954 schrieb Marlen ihrer engen Freundin Friederike Kästenbauer: “Jetzt schwärmt er für eine Italienerin, ist aber mit Inge noch einige Tage weggefahrn, obwohl er sie nicht mehr mag. (…) Ich müsste unabhängig von ihm werden und seit 7 Jahren bemüh ich mich darum. Aber weil er meine ganze Kraft beansprucht und meine ganze Zeit, komm ich aus dieser Sklaverei nicht heraus.” (12)

1954 verschickte Marlen Haushofer ihr Manuskript “Die Reise der Betty Russel” an verschiedene Verlage. Sie zog Hans Weigel nicht in eine Beurteilung des Romans ein, weil sie vermutlich befürchtete, auch diese Geschichte könnte durch Weigel abgelehnt werden. Im April erhielt sie eine Einladung ihres Kollegen Milo Dor, in welcher dieser sie aufforderte, zusammen mit Reinhard Federmann an der Tagung der Gruppe 47 in Italien teilzunehmen und aus ihrem Roman vorzulesen. Das Auftreten bei dieser deutschen Gruppe hätte Marlen Haushofer möglicherweise zu ihrem öffentlichen Durchbruch verholfen, so wie dies Jahre zuvor schon bei Paul Celan, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann der Fall war. (13) Doch die Fahrt zu dem prominent besetzten Treffen kam nicht zustande.  Zur gleichen Zeit geriet Marlen Haushofer in Wien zwischen die Fronten des Literaturbetriebs. Hans Weigel hatte sich in der deutschen Kulturzeitschrift “Der Monat” über den “Exodus heimischer Künstler” ausgelassen und eine “Verödung des geistigen Lebens” in Österreich prophezeit. Er sprach von “Krise der Persönlichkeiten” und fragte sich, wo die “bedeutenden Männer im Mannesalter” seien. “Weit und breit brave und wackere Funktionäre, weit und breit keine Persönlichkeit”. (14) Weigel erwähnte in seinen Ausführungen die zeitgenössischen Österreicher wie Rudolf Felmayer und Otto Basil nicht. Auch Hermann Hakel fühlte sich übergangen. Daher plante dieser eine Richtigstellung zusammen mit anderen österreichischen Autoren, um zu erklären, dass es in Wien sehr wohl verdiente literarische Persönlichkeiten gebe. Marlen Haushofer wollte sich diesem “Gegenschlag” nicht anschliessen. Das Ehepaar Hakel stellte daraufhin Marlen Haushofer vor die Wahl: Entweder Weigel oder Hakel. Als Marlen darauf nicht antwortete, brachen die Hakels die Verbindung zu ihr ab. Erst 1960, nach der Scheidung der Hakels, nahm Erika Danneberg wieder Kontakt mit ihrer Freundin auf.

Vermutlich im Jahr 1954 ging Marlen Haushofer eine Liebesgeschichte mit Reinhard Federmann ein, den sie bei Hans Weigel kennengelernt haben dürfte. War dies jener geheimnisvolle Unbekannte, mit dem die Haushofer laut Oskar Jan Tauschinski eine Beziehung einging, “die zwar unglücklich in ihrem Verlauf, für Marlen Haushofer von Bedeutung gewesen sein muss?” (15) Reinhard Federmann war ein Schriftsteller-Kollege und stand als ständig verschuldeter Familienvater unter grossem Existenzdruck.

Quellhinweise

Daniela Strigl: “Wahrscheinlich bin ich verrückt” Marlen Haushofer – Die Biografie:
(1) Seite 157, (2) Seite 160 ff., (3) Seite 167, (4) Seite 169, (5) Seite 170, (6) Seite 174, (7) Seite 176, (8) Seite 177, (9) Seite 178, (10) Seite 179, (11) Seite 201, (12) Seite 187, (13) Seite 203, (14) Seite 204, (15) Seite 205

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