Das Jahr des Abschieds (1970)

Alles wird vergebens gewesen sein…

Am 26. Februar 1970 verfasste Marlen Haushofer einen letzten Text, der als sowas gilt wie ihr literarisches Testament:

Mach Dir keine Sorgen

Mach Dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zu wenig gesehen, wie alle Menschen vor Dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zu wenig, wie alle Menschen vor Dir. Vielleicht hast Du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von Dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können. Du hast viele Schmerzen ertragen, ungern – wie alle Menschen vor Dir. Dein Körper war Dir sehr bald lästig, Du hast ihn nie geliebt. Das war schlecht für Dich – oder auch gut, denn an einem ungeliebten Körper hängt die Seele nicht sehr. Und was ist die Seele? Wahrscheinlich hast Du nie eine gehabt, nur Verstand, und der war nicht bedenkend der Gefühle. Oder war da manchmal noch etwas anderes? Für Augenblicke? Beim Anblick von Glockenblumen oder Katzenaugen und des Kummers um einen Menschen, oder gewisse Steine, Bäume und Statuen; der Schwalben über der grossen Stadt Rom.

Mach Dir keine Sorgen.

Auch wenn Du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf. Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen. Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken.
Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.

Mach Dir keine Sorgen – alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor Dir.

Eine völlig normale Geschichte.

Steyr, 26.2.1970
Marlen Haushofer

Am 6. März wurde Marlen Haushofer wieder in die Wiener Privatklinik eingeliefert. Ihre Schmerzen waren schier unerträglich geworden. In der Klinik entschloss man sich am 10. März für eine Operation des Rückenmarks, um die Hüfte versorgenden Nerven zu durchtrennen und damit die Schmerzbahn zu unterbrechen. Die Operation misslang, eine Infektion führte zur Gehirnhautentzündung. Marlen war nicht mehr ansprechbar, litt unter Krämpfen und fiel ins Koma. Als Hans Weigel ein letztes Mal bei ihr war, fragte er sie: “Was macht dein Seelenleben?” Sie antwortete lächelnd: “Ich hab’ überhaupt kein Seelenleben mehr.”

Am 21. März 1970, drei Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag, starb Marlen Haushofer in der Wiener Privatklinik. Über Jahre hinweg hat sie – wie es heisst – den Knochenkrebs mit grenzenloser Geduld ertragen. Nach ihrem Tod wurde Marlen Haushofer am 26. März 1970 in der Feuerhalle des Wiener Zentralfriedhofs eingeäschert. Die Kremation erfolgte auf ihren eindrücklichen Wunsch…Nichts sollte von ihr übrig bleiben.

Marlen Haushofer, meine Zwillingsschwester, hat sich zu einem langen Schlaf zurückgezogen und wir wollen ihn diesem schlafsüchtigen Wesen von Herzen gönnen. Da sie nichts von ihrem Glück weiss, wird sie es ja kaum geniessen können. (Aus Marlen Haushofers Nachruf zu Lebzeiten Für eine vergessliche Zwillingsschwester, den sie in den sechziger Jahren geschrieben hatte).

Das Begräbnis Marlen Haushofers fand in kleinem Rahmen in Steyr statt. Die Medien berichteten meist in nur kurzen Mitteilungen, während zum 50. Geburtstag am 11. April 1970 insbesondere oberösterreichische Tageszeitungen ausführlichere Würdigungen der Schriftstellerin veröffentlichten.