
Marlen im Jahre 1940 (© Sybille Haushofer, Steyr/Wien)
Die harte Arbeit beim Reichsarbeitsdienst RAD erfüllte Marlen Haushofer mit Stolz. Sie entkam der familiären und strengen schulischen Obhut, war das erste Mal fern der Heimat und führte ein selbstbestimmtes erwachseneres Leben. Sie schrieb ausführliche Briefe an die Eltern und an die Freundin Elli, in denen sie vom Alltag im RAD erzählt. Dabei betonte sie ihre Tüchtigkeit und die Härten des Lagerlebens und versuchte, die Ängste ihrer Mutter zu zerstreuen. Der Drill des Lagerlebens verhalf Marlen zu mehr Selbständigkeit, während sich das nationalsozialistische Erziehungsprinzip der Abhärtung mit ihrem Wunsch nach Bewährung deckte. Ausserdem war sie in eine fröhliche Gemeinschaft eingebettet, so konnte die Zeit im RAD - weitgehend ungeachtet der politischen Dimension - als schöne und abenteuerliche Zeit erlebt werden. (Aus dem Katalog "Marlen Haushofer 1920 - 1970").
In einem Brief vom 26. Mai 1939 an ihre Schulfreundin Angela Trenkler schrieb Marlen: (...)Vielleicht willst Du etwas vom RAD hören, um einen Vorgeschmack der Seligkeit zu bekommen. Arbeitsplan: 4h55m Aufstehen, Frühsport, Duschen, 7h bis 2h Arbeit beim Siedler (10h 2. Frühstück, 1h Essen) 2 bis 3h Bettruhe, dann Sport, Arbeit im Haus, Schulung bis 8h, dann Essen, Werkarbeit, 10h Bettruhe. Die Arbeit ist sehr schwer, anfangs glaubte ich, ich könnte es nicht machen, aber jetzt geht es schon ganz gut. Ich konnte das Essen einfach nicht vertragen, 3 mal tägl. Kartoffel, dann immer diese Grützen, Puddings und Klösse, einfach schrecklich. Aber jetzt schmeckt mir das Essen schon sehr gut, ich kann mir eben nichts anderes mehr vorstellen.
Die Siedler sind nach österreichischen Verhältnissen gemessen gar nicht arm, so wie bessere Bauern bei uns, aber wahnsinnig dreckig. Sachen erlebt man da, z. B. Nachtgeschirr und Kaffeeschalen zusammen abgewaschen, Katzen, Hund fressen vom selben Teller, den morgen die Maid bekommt od. ein Rind. Überall ist es ja nicht so, aber meistens. Dabei sind alle Siedler sehr intelligent, haben fast alle Matura, manche Hochschule. (...) Du kannst Dir überhaupt nicht vorstellen, wie verschieden diese Menschen von uns sind. Nicht gerade unfreundlich aber so fremdartig, dass man nie warm wird. Verschlossen und wortkarg und dabei furchtbar jähzornig und heftig. Christburg eine Stadt wie Kirchdorf, etwas grösser, ist eine Stunde weit weg. Du siehst keinen Menschen auf der Strasse, die Kaffees sind immer leer, die Leute steif und spiessbürgerlich bis dorthinaus. Am auffallendsten finde ich die Geschmacklosigkeit in allem, besonders in der Kleidung, es tut in den Augen weh. Wir arbeiten auf dem Feld, im Haus, weisst Du, manchmal ist die Arbeit entschieden zu schwer für ein Mädchen, wir sind Ersatz für knechte. Zur Erntezeit soll ja männlicher RAD kommen, ein Mann pro Siedler. Dann bleiben wir bis 6h abends beim Siedler, das wird eine Zeit werden. Ich war jetzt 14 Tage in der Lagerküche. Zu zweit mussten wir für 40 Personen und 3 Schweine kochen, abwaschen u.s.w. Das ist der schwerste Dienst den es gibt, ich hab mich tagelang nicht einmal waschen können. Ich übertreibe kein bisschen, Du kannst Dir das nicht vorstellen. (...)"
Als Marlen bei einem Siedler Dienst tat und gerade niemand anderer auf dem Hof war, kam es zu einem Schlüsselereignis für die Österreicherin. Sie wurde von einem betrunkenen Mann handgreiflich bedrängt und am Gehen gehindert. Da packte sie "die Wut so furchtbar, und ich lasse meine Hände los und wir spielen"Watschenmann". Das aufgebrachte Mädchen schlug dem Aufdringlichen sogar noch mit der Faust die Nase blutig. Dieser Vorfall schien Marlens Auffassung vom Mann als einem höchst gefährlichen Wesen zu bestätigen.
Während ihrer Zeit beim RAD jedoch lernte sie einen jungen Deutschen aus Dortmund kennen und schrieb ihren Eltern: Jetzt habe ich einen Medizin Studenten kennengelernt, aus Dortmund, sein Vater ist aus Steiermark, ich war ganz glücklich darüber. Er war auf Erntehilfe da, acht Tage bin ich immer mit ihm zur Stadt gefahren und er hat mich immer im Kindergarten besucht, ich war so froh, wieder einmal mit einem kultivierten Menschen zu reden, und er war so furchtbar nett und anständig zu mir und hat mir das Leben erleichtert wo er nur konnte.
Auch wenn Marlen in einem weiteren Brief betonte: ...deshalb braucht ihr aber noch lange nicht zu denken, dass ich vielleicht verliebt bin oder so, betont Rudi, der Bruder Marlens, dass dieser Mann eigentlich ihre grosse Liebe war.
Marlen Haushofer diente nicht die gesamten sechs Monate beim RAD ab. Mit Beginn der Polenoffensive am 1. September wurde das RAD-Lager Christburg geräumt, und die Mädchen wurden nach Hause geschickt.
Eigentlich wollte Marlen im Herbst 1939 ihr Germanistik- und Kunststudium beginnen. Doch eine bleierne Mattigkeit legte sich während ihrem Aufenthalt zu Hause über sie. Je mehr sie schlief, desto matter und teilnahmsloser wurde sie. Die Symptome einer klinischen Depression. Erst mit dem ersten Schnee löste sich ihre Lähmung, und die Lebensenergie kehrte zurück. Aber sie spürte, dass das Zuhause nicht mehr das Paradies ihrer Kindheit war, was für sie einen einschneidenden Verlust bedeutete.
Im Januar 1940 trat Marlen Haushofer ihr Studium in Wien an; dort wohnte sie erst bei einer kleinbürgerlichen Witwe, anschliessend übergangsmässig bei Hans Frauendorfer, einem der vier Brüder ihres Vaters, bis sie schliesslich ein Zimmer bei einer Malerin fand. Hier in Wien traf sie sich schliesslich auch wieder mit jenem Mann, den sie während ihrer Zeit beim RAD kennengelernt hatte: Gert Mörth, geboren 1916 in Essen, der aus einer begüterten Dortmunder Familie stammte. Die Beziehung zu Marlen nahm Mörth sehr ernst, so begann er im Oktober 1940 in Wien zu studieren. Im Herbst 1940 war die Verlobung quasi offiziell, denn Marlen brachte ihren Gert nach Frauenstein mit und stellte ihn ihrer Familie vor. Kurz danach, im Dezember, bemerkte Marlen, dass sie schwanger war. Daraufhin folgte der Bruch - sie beendete die Beziehung zu Gert aus unbekannten Gründen.
Marlens erste grosse Liebe schien zu einem Trauma geworden zu sein. Es hat auch den Anschein, dass das Erlebnis mit dem Verlobten ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht nachhaltig geprägt und ihre Skepsis in tiefes Misstrauen verwandelt hatte. Für ein streng katholisch erzogenes Mädchen vom Lande war die uneheliche Schwangerschaft zu dieser Zeit eine Katastrophe. Dennoch kam eine Abtreibung für sie nicht in Frage - trotz allen Widrigkeiten wollte sie das Kind austragen. Sie beschloss aber, ihre Eltern nicht einzuweihen, weil für diese ein aussereheliches Kind als persönliche Niederlage, ja Schande galt.
Selbst wenn die Schwangerschaft körperlich und psychisch belastete, Marlen folgte ihrem Studium mit unvermindertem Eifer. Ein Glücksgefühl der werdenden Mutter wollte sich einfach nicht einstellen. Ihre Figur "Annette" aus dem späteren Roman "Die Tapetentür" formuliert es drastisch: "Wie kommt es, dass dieses winzige Kind mir ein so abscheuliches Gefühl von Klebrigkeit und Unsauberkeit macht? Ich möchte mich den ganzen Tag waschen." Sie wartet ungeduldig auf die Geburt, um "endlich von dieser Last befreit zu werden". Annette (Marlen) kann sich nicht vorstellen, eine normale Mutter zu sein, und das verursacht ihr Schuldgefühle. "Eine Frau, die ein Kind hatte, hörte auf, ein freier Mensch zu sein. Man war eine gute Mutter und nichts sonst, oder man versagte als Mutter und behielt seine Persönlichkeit (...) Niemand konnte eine Sache gleichzeitig behalten und aufgeben, so musste man es rückhaltlos tun. Es gab keinen Weg, der zur jungen Frau in der kleinen Wohnung zurückführte, die gewohnt war, zu tun und zu lassen, was ihr beliebte."
An einem Wintertag vor Weihnachten fuhr Marlen mit der Strassenbahn. Alle Sitzplätze waren von jungen Uniformierten besetzt. Dass die junge Frau schwanger war, sah man ihr noch nicht an. Ein junger, blonder, schlanker Mann bot ihr dann seinen Platz an, und sie kamen ins Gespräch. Der Mann war Manfred Haushofer, der in Wien als Soldat der Luftwaffe Medizin studierte. Marlen verliebte sich Hals über Kopf in den jungen Medizinstudenten. Je mehr die beiden sich näher kamen, desto mehr bedrückte Marlen ihr Geheimnis. In einem Brief an Manfred schilderte sie dann ihre Vorgeschichte. Doch Manfred erhielt diesen Brief nie. Erst durch eine Freundin von Marlen erfuhr der junge Mann von Marlens Zustand. Aber er blieb ihr treu.
Ende April 1941 wurde Manfred Haushofer nach Prag versetzt. Noch immer hatte Marlen nicht vor, ihre Eltern über die Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt zu informieren. Stattdessen nahm sie die Hilfe von Trude Laux an, einer Freundin vom Reichsarbeitsdienst. Trudes Mutter war bereit, Marlen in ihrem Haus in Bayern (Herrsching am Ammersee) aufzunehmen. Am 30. Juli 1941 war es dann soweit: In einem Entbindungsheim im nahen Pähl kam der kleine Christian Georg Heinrich zu Welt. Bis zu seinem vierten Lebensjahr sollte Christian bei seiner Ziehmutter hier in Bayern in der Obhut von Trudes Mutter bleiben. Kurz nach der Geburt schrieb Marlen Haushofer einen Brief an ihre Eltern. Darin verlautbarte sie unter anderem: "...Ich habe mich nämlich ernstlich verlobt. Bitte befürchtet deswegen nichts, es ist bestimmt zum letzten Mal. Und wahrscheinlich werdet Ihr im Herbst oder Winter diesbezügliche Sorgen überhaupt los werden. (...) Glaubt bitte nicht, dass ich übereilt handle, ich hab mir die ganze Sache schon seit Weihnachten überlegt und habe auch Manfred immer wieder davon abhalten wollen, aber er hat es sich so fest in den Kopf gesetzt, dass er sich doch die Folgen selbst zuschreiben muss." Sie schrieb weiter von den Heiratsplänen und präsentierte Manfred Haushofer als einen "guten Mann". Von Liebe jedoch wurde nicht gesprochen.